Wunsiedel 100 Prozent CO2-neutral
Wunsiedel (energate) - In der nordbayrischen Kleinstadt Wunsiedel ist die Energiewende bereits angekommen. Die Stadtwerke Wunsiedel versorgen die Kommune zu 100 Prozent CO2-neutral. Dahinter steckt ein innovatives Modell, das auf eine echte Direktvermarktung zur Eigenversorgung der Bürgerinnen und Bürger setzt. Bereits seit 20 Jahren beschreitet der Kommunalversorger den Weg Wunsiedels zu einer erneuerbaren Energieversorgung, berichtete Stadtwerke-Geschäftsführer Marco Krasser im Gespräch mit energate. "Die Energiewende wird in Deutschland immer in Ausstiegsszenarien gedacht. Wir arbeiten stattdessen an Einstiegsszenarien", erklärte Krasser die Geschäftsphilosophie seiner Stadtwerke.
Wunsiedel setzt auf Sektorkopplung
Dabei geht der Versorger ungewöhnliche Wege. Im Dezember 2024 vermeldeten die Stadtwerke den Abschluss eines langfristigen Stromabnahmevertrages mit Ørsted. Über das interkommunale Unternehmen Zukunftsenergie Nordostbayern (Zenob) ist der Kommunalversorger an einem 100-MW-Batteriespeicher beteiligt. Gemeinsam mit Ostwind Erneuerbare Energien und Zenob sind die Stadtwerke zudem Gründungsgesellschafterinnen bei den Windkraftwerken Nordostbayern (Winob), sie setzen sich dabei für den Ausbau der Windenergie im noch immer windkraftarmen Bayern ein. Doch damit noch nicht genug: Auch bei der Wasserstoffproduktion mischt das Unternehmen mit. Die SWW Wunsiedel GmbH habe ein komplexes System der Sektorkopplung aufgebaut. Dazu gehören unter anderem zwei Pelletwerke. Hier werden aus Holznebenprodukten der Sägeindustrie Späne getrocknet und zu Pellets verarbeitet. Die dafür notwendige Energie liefern zwei Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, die wahlweise mit Wasserstoff oder Methan betrieben werden können. Die Pellets dienen als Strom- und Wärmespeicher. Sie werden für kleinere Nahwärmenetze zu Strom und Wärme umgewandelt.
Energiezukunft braucht gesellschaftliche Akzeptanz
Krasser betonte im Gespräch, dass dieser Weg nur möglich war, weil das Unternehmen seit 20 Jahren im konstanten Dialog mit den Bürgern der Kleinstadt steht. "Die Vision der Energiezukunft ist in Deutschland noch nicht angekommen", sagte der Geschäftsführer der Stadtwerke. Daher sei es die Aufgabe des Kommunalversorgers, die Energiezukunft als alternativlos zu kommunizieren, stellte der Geschäftsführer klar. "Akzeptanz kommt durch Verständnis", so Krasser weiter. Die Stadtwerke agieren dabei nach dem Motto "Fantasie ist wichtiger als Wissen". Denn, so beschreibt es Krasser, Wissen sei begrenzt und bringe keine neuen Ansätze. Diese seien aber notwendig, um das Energiesystem auf Erneuerbare umzustellen. Hinsichtlich der gesellschaftlichen Akzeptanz sieht Krasser zwei Möglichkeiten, auf positiven Zuspruch zu treffen. Entweder müsse sich die Energiewende "positiv im Geldbeutel bemerkbar machen" oder für Versorgungssicherheit sorgen.
Energiekrise bestärkte den Weg der Stadtwerke
Auch hier setzen die Stadtwerke Wunsiedel auf den Mittelweg. Einerseits beteiligen sie die Bürgerinnen und Bürger an den Einnahmen aus den eigenen Erzeugungsanlagen. Andererseits habe die Energiekrise gezeigt, dass die Energieversorgung nicht automatisch garantiert sei. Während in ganz Deutschland die Energiepreise stiegen und die Furcht vor einer Energiekrise wuchs, sei die nordbayrische Kleinstadt deutlich entspannter durch die Krise gekommen. "Da hat bei vielen ein Umdenken stattgefunden", so Krasser. "Wenn wir es schaffen, dass sich die Menschen freuen, wenn sich die Windmühle dreht und die Sonne scheint, dann sind wir auf dem richtigen Weg."
Kapitalbeschaffung: klein angefangen und innovativ weiterentwickelt
Acht Unternehmungen haben die Stadtwerke Wunsiedel in den vergangenen 20 Jahren gegründet. Ein Weg, der auch notwendig war, weil die Kapitalbeschaffung gerade für kleinere Stadtwerke immer schwieriger wird. "Kleine Stadtwerke waren es bislang gewohnt, sich aus dem Eigenkapital heraus zu finanzieren. Das funktioniert aufgrund des steigenden Kapitalbedarfs aber nicht mehr", erläuterte Krasser den sich wandelnden Kapitalmarkt. Auch hier setzt das Unternehmen auf innovative Lösungen, etwa auf Crowd-Invest und Bürgerbeteiligungen. Außerdem sei nicht Gewinnmaximierung das hauptsächliche Ziel, sondern immer die lokale Versorgung. "Wir haben den festen Willen zu zeigen, wie die Energiezukunft aussehen kann", zeigte sich Krasser entschlossen.
Energiezukunft: gemeinschaftliches Projekt
Ein Weg, der zunehmend auch in der Industrie ankommt. "CO2-Neutralität ist mittlerweile ein echter Standortfaktor", so Krasser. Wenn es zudem gelinge, attraktive Energiepreise anzubieten, dann folgen dementsprechend auch Industrieansiedlungen. Das wiederum habe dann über die Gewerbesteuer wieder positive Nebeneffekte für die ganze Gemeinde, führte Krasser aus. Was dazu führe, dass die Stadtwerke Wunsiedel nicht ausschütten müssen - und das nicht ausgeschüttete Geld könne dann wieder in die Energiezukunft reinvestiert werden. Es brauche also gemeinschaftliche Lösungen, um aus der Energiewende eine Energiezukunft werden zu lassen, ist sich Krasser sicher. Dafür sei es auch notwendig, dass die Politik an einem Strang ziehe. Das ständige Hin und Her führe nur zu Unverständnis und Unsicherheit bei Bürgerinnen und Bürgern. Stattdessen brauche es echte Visionen, wie die Energiezukunft in 20 Jahren aussehen könne. Eine Zukunft, die in Wunsiedel bereits betrachtet werden kann. /rh