Wasserstoffbranche hofft auf neue Bundesregierung
Berlin (energate) - Der Chef des EU-Wasserstoffverbandes Hydrogen Europe, Jorgo Chatzimarkakis, blickt mit Zuversicht auf den deutschen Regierungswechsel. Die SPD schaue mehr auf die Arbeitsplätze, die Union auf die deutsche Wettbewerbsfähigkeit. "Wasserstoff ist der Schlüssel zu beiden", sagte Chatzimarkakis auf dem H2-Forum in Berlin. Dort übte er deutliche Kritik am grünen Wirtschaftsminister Robert Habeck und der Politikberatung Agora. Diese seien mit dafür verantwortlich, dass die EU bei der Wasserstoffproduktion unnötig hohe Auflagen mache. Das Endergebnis, das inzwischen auch Habeck selbst bedauere, sei, dass der Strom aus den alten Windanlagen im Norden Deutschlands nicht für die Elektrolyse eingesetzt werden könne.
Mehr Pragmatismus wünscht sich der Verbandsvertreter aber nicht nur von deutschen Politikern. Auch ein ehemaliger niederländischer Minister bekam sein Fett weg, da er ein Elektrolyseprojekt am Raffineriestandort von Shell in Rotterdam ausgebremst habe. "Es gibt viele dumme Menschen, die nicht verstehen, dass sie damit die Zukunft ihrer eigenen Kinder blockieren", so Chatzimarkakis. Auch wenn Stahl zunächst mit blauem statt grünem Wasserstoff produziert werde, liege die CO2-Einsparung gegenüber Koks bei über 60 Prozent.
Preis ist zu hoch
Die anderen Teilnehmer der Diskussionsrunde, Axel Bree, der im Bundeswirtschaftsministerium für den Wasserstoffhochlauf zuständig ist, und zwei Managerinnen von Gasunie und Siemens, schlugen leisere Töne an. Aber auch sie sehen Handlungsbedarf, da der Wasserstoffmarkt in einer schwierigen Phase steckt. "Die Preise sind schlicht zu hoch", erläuterte Bree. Die Kosten müssten herunter: durch Vereinfachung der Vorschriften, durch finanzielle Unterstützung der Produktion und durch einen Ausgleich für die Abnehmer, um Wasserstoff gegenüber fossilen Energieträgern bezahlbar zu machen.
Zur Einordnung: Deutschland stellt bisher Milliarden für die IPCEI-Projekte zur Verfügung, sichert den Bau des Kernnetzes finanziell ab und ist bereits in der zweiten Ausschreibungsrunde für Klimaschutzverträge (CfD) zugunsten von Industriekunden angekommen. Der Ministeriumsvertreter lobte in der Diskussionsrunde die Dynamik der CfD, sollten sich die CO2-Preise ändern oder auch die Wasserstoffpreise. "Darüber wird auch in Europa gesprochen", so Bree.
Deutschland soll "Nordsee-Kraftwerk" unterstützen
Auch die CEO der niederländischen Gasunie, Willemien Terpstra, plädierte für Pragmatismus und "vielleicht ein bisschen weniger Ideologie". Von der neuen Bundesregierung erhofft sie sich Unterstützung, um die Strom- und Wasserstoffproduktion in der Nordsee voranzubringen. Eine integrierte Infrastrukturplanung von Elektronen und Molekülen, um Milliarden beim Stromnetzausbau einzusparen, ist ihr wichtig. "Hier müssen wir meiner Meinung nach die deutsche Regierung einbeziehen, kombinierte Ausschreibungen anregen, bei denen es beides gibt, aber auch sicherstellen, dass die verschiedenen Länder rund um die Nordsee gut zusammenarbeiten", so Terpstra. Wie verwundbar Europa ohne Interkonnektivität sei, habe der Ukrainekrieg gezeigt.
Elektrolyseproduktion steht bereit
Bei der Bezahlbarkeit von Wasserstoff ist in den Augen von Franziska Weiss, Vizepräsidentin Markt und Business Development Europe bei Siemens Energy, aber nicht allein der Staat gefragt. Auch Technologiefortschritt und Innovation würden Beiträge leisten. Gemeinsam mit Air Liquide eröffnete Siemens in Berlin eine Gigawatt-Fabrik für Elektrolyseure. "Damit sind wir in der Lage, den Markt zu bedienen, sobald der Markt bereit ist." Wichtig sei für den H2-Hochlauf die Risikoteilung und Risikominimierung - auch durch staatliche Garantien. Dies sei nicht allein ein deutsches Thema. /mt