Flexibilierung der Industrie: Chance und Herausforderung
Essen (energate) - Bislang waren Industrieunternehmen dazu angehalten, ihren Stromverbrauch möglichst konstant zu halten. Doch in einem von erneuerbaren Energien geprägten Energiesystem muss auch die Industrie ihren Stromverbrauch flexibler gestalten. Über die Möglichkeiten und Herausforderungen gab es beim energate-Talk "Netzentgelte neu gedacht: Industrie trifft Energiewende" eine lebhafte Diskussion. Flexibilität definierte Lion Hirth, Professor of Energy Policy, Centre for Sustainability an der Hertie School, als die "Möglichkeit und Notwendigkeit nachfrageseitiger Anlagen, auf die Anforderungen des Stromsystems, die sich in Strompreisen ausdrücken, zu reagieren".
Anders formuliert: Sind die Strompreise hoch, weil die Erneuerbaren gerade keinen Strom produzieren, sollten Industrieunternehmen möglichst wenig Strom verbrauchen. Wenn im Sommer die PV-Anlagen die Strompreise ins Negative treiben, gilt es im Umkehrschluss die Anlagen auf Hochtouren zu fahren. Die Umstellung des Stromsystems, zu der etwa auch der Bau von Batteriespeichern, Elektrolyseuren oder auf Haushaltsebene dynamische Tarife gehören, bezeichnete Hirth als "Jahrhundertaufgabe". Er warb dafür, Flexibilität regulatorisch zu ermöglichen. "Das heißt, zwei Dinge nicht zu tun: Flexibilität nicht zu erzwingen, aber sie auch nicht zu verbieten."
Bundesnetzagentur will weg von Bandlastverhalten
Denn bislang sind Industrie und Gewerbe nach § 19 Abs. 2 StromNEV dazu angehalten, ihre Stromabnahme möglichst kontinuierlich zu halten und so eine gleichbleibende Grundlast zu gewährleisten. Doch die bisherige Regelung läuft den Anforderungen der Energiewende zuwider. Deshalb hat die Bundesnetzagentur im Juli 2024 ein Eckpunktepapier zur Reform der Industrienetzentgelte vorgestellt. "Unflexibles Abnahmeverhalten ist gesamtökonomisch nachteilhaft und verschärft kritische Netzzustände", heißt es in dem Papier. Deshalb will Bundesnetzagentur die Bandlastreglung zum 1. Januar 2026 grundsätzlich abschaffen. Das neue Sondernetzentgelt soll stattdessen "effektiv zu systemdienlichen Verhalten von Industriekunden unter Berücksichtigung der gewandelten energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen" anreizen. Im Rahmen der laufenden Konsultation kam jedoch aus der Industrie Widerstand auf. Nicht zuletzt deswegen bezeichnete Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller im energate-Interview die Reform der Industrienetzentgelte als "die wahrscheinlich kontroverseste Festlegung" der gesamten Regulierungsreform.
VCI: Umstellung nicht für alle möglich
Die Umstellung auf dynamische und flexible Prozesse fordere den betroffenen Unternehmen einiges ab, stellte während der Diskussion auch Matthias Belitz, Bereichsleiter Nachhaltigkeit beim Verband der Chemischen Industrie (VCI), heraus. Zwar gebe es Industrien, in denen die Schaffung von Flexibilitäten grundsätzlich möglich ist, der Umstellprozess jedoch mit "erheblichen Kosten" verbunden sei. Außerdem finden sich in der Chemieindustrie Prozesse, bei denen kontinuierliche Verfahren für die Qualität des Endprodukts entscheidend sind.
Belitz wies ebenfalls daraufhin, dass das Bandlastprivileg für die Industrie heute Einsparungen in Höhe von rund einer Mrd. Euro bedeute. Fielen diese Privilegien weg, würde die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie im Vergleich zu China und den USA weiter sinken. Überhaupt seien die hohen Energiepreise ein Standortnachteil für deutsche Unternehmen. Ein wichtiger Punkt sind in seinen Augen die Netzentgelte. Diese hätten sich in den vergangenen Jahren versechsfacht, rechnete Belitz vor. Eine Auswertung des BDEW kam zwischen 2014 und 2024 hingegen zu einer Steigerung um 123 Prozent. Trotz dieser Herausforderungen gab es von Belitz für den Konsultationsprozess der Bundesnetzagentur Lob. Dieser sei offen, gebe den Unternehmen Möglichkeiten der Partizipation und geschehe mit genügend zeitlichen Vorlauf.
Mittelständische Unternehmen können profitieren
Dass neue Flexibilität aber auch durchaus Chancen insbesondere für mittelständische Unternehmen mit sich bringen kann, zeigte Ecoplanet-Gründer und Geschäftsführer Henry Keppler auf. Das Münchener Start-up bietet Industrie- und Gewebekunden ein digitales Cockpit an, mit dem der Stromverbrauch überwacht und auf mögliche Einsparungen hin analysiert wird. "Die Energiebeschaffung gehörte für mittelständische Unternehmen für lange Zeit nicht zum Tagesgeschäft", erklärte der Gründer. Die neue Realität erfordere einen Paradigmenwechsel, biete dann aber auch finanzielle Anreize. "Im Juli 2024 hatten wir fast die Hälfte der Tage negative Strompreise und das ist natürlich eine Chance, wenn die Unternehmen es schaffen, ihren Verbrauch zu flexibilisieren."
Tennet: Netz braucht Flexibilisierung
Während jedoch Keppler dafür eintrat, die Netzentgelte eng an den Strompreis zu binden, stellte Belitz die Frage, ob über die Netzentgeltsystematik die Signale des Markts nicht noch einmal verstärkt werden. "Braucht es wirklich ein doppeltes Anreizsystem?", fragte der VCI-Vertreter. Hirth wiederum stellte dar, dass der deutsche Strommarkt "blind für das Netz" sei. Denn obwohl das Übertragungs- und Verteilnetz regelmäßig an seine Kapazitätsgrenze gerate, spiegle sich diese Knappheit nicht im Preis. Die Netzentgelte seien eine Möglichkeit neben dem Preiszonensplit, diese Realität darzustellen.
Wie wichtig die Flexibilisierung für das Stromnetz sei, ordnete Tetiana Chuvilina, Leiterin der Bereiche Politik und Bürgerbeteiligung beim Übertragungsnetzbetreiber Tennet, ein. Sie bezeichnete Flexibilisierung als das "A und O, um das Netz zukünftig stabil zu halten". Aus Netzbetreibersicht sei es daher Pflicht, dass jeder Verbraucher flexibel auf das Stromangebot reagiere. Andernfalls würden in Zukunft die Netzentgelte durch Redispatchkosten und weiteren Netzausbau nur noch weiter steigen. Allerdings sprach sie sich dagegen aus, über Netzentgelte Industriesubvention zu betreiben. Auch Pönale seien kein Mittel, um die Industrie zu flexibilisieren. Stattdessen warb sie für Incentives. /rh