Energiehandel ist noch Männerdomäne
Berlin (energate) - In der Energiewirtschaft sind Frauen noch in vielen Bereichen unterrepräsentiert. Ganz besonders gilt das für den Handel und die Tradingfloors vieler Energieunternehmen. Das hat verschiedene Gründe, wie zwei Expertinnen im Gespräch mit energate erläuterten. Der Konzern Vattenfall will das ändern und mehr Frauen für sein Handelsgeschäft gewinnen. Aktuell sind am Tradingdesk von Vattenfall nämlich nur 22 Prozent Händlerinnen beschäftigt. Über alle Sparten hinweg liegt die Frauenquote laut Unternehmensangaben bei 30 Prozent.
Spezielles Karriereprogramm für Frauen
Um mehr Frauen für den Job als Energiehändlerin oder Analystin zu begeistern, hat Vattenfall nun ein spezielles Karriereprogramm für Studentinnen und Absolventinnen aufgelegt. Es besteht unter anderem aus einem Online-Webinar und einem Tagesworkshop mit Besuch des Tradingfloors in Hamburg sowie einem Karrierecoaching und praktischen Übungen. Anschließend unterstützt Vattenfall bei der Suche nach konkreten Einstiegsoptionen. "Mit unseren Angeboten möchten wir die Chancengleichheit von Frauen erhöhen, insbesondere in traditionell von Männern dominierten Bereichen wie dem Energiehandel", erklärte Franziska Marini, Arbeitsdirektorin bei Vattenfall in Deutschland und Leiterin des Personalbereichs bei Vattenfall Energy Trading, dazu.
Positive Vorbilder schaffen
Helfen auf dem Weg zu einer höheren Frauenquote im Handel sollen positive Rollenvorbilder. Dazu gehört etwa Yunji Schuster. Sie ist bei Vattenfall für den japanischen Handelsdesk zuständig und hat diesen als Geschäftseinheit neu aufgebaut. "Den Job habe ich aus der Elternzeit heraus bekommen", erklärte sie im Gespräch mit energate. Im Unternehmen ist die gebürtige Koreanerin seit 2014, nach ihrem MBA-Abschluss in Finanzen an der Hamburg School of Business Administration. Sie begann damals im Bereich des Intraday Power Tradings. Dort sind die Händler und Händlerinnen bei Vattenfall 24/7 im Einsatz, von Montag bis Freitag im Dreischichtsystem. "Am Wochenende fallen dann Schichten von zwölf Stunden an", gibt Schuster einen Einblick.
Schuster schätzt vor allem das spannende Arbeitsumfeld
Sechs Jahre hat sie das gemacht, bis zur Geburt ihres zweiten Kindes, dann ist sie in das langfristigere Handelsgeschäft gewechselt. "Ich mache jetzt mehr operative Projekte und Handelsstrategien", so Schuster. Damit verbunden sind nun auch "normale Bürozeiten", die sich besser mit den privaten Verpflichtungen, etwa der Kinderbetreuung, vereinbaren lassen. Für die Mutter von zwei Kindern war aber immer klar, dass sie dem Tradingdesk treu bleiben will, und das möglichst auch in Vollzeit. Sie schätzt vor allem das spannende und temporeiche Arbeitsumfeld, in dem sie mit riesigen Datenmengen und Informationen, etwa über Wetter, Temperatur oder Ausfälle, umgehen und schnelle Entscheidungen treffen muss. "Ich langweile mich nie und lerne jeden Tag etwas Neues dazu", sagt sie.
Schuster: Frauen sollten weniger an sich zweifeln
Dass sie über eine Reduzierung ihrer Arbeitszeit nicht nachgedacht hat, hat für Schuster auch mit ihrem kulturellen Background zu tun. Während Teilzeit für viele Frauen in Deutschland - natürlich nicht nur in der Energiewirtschaft - das bevorzugte Modell ist, gibt es das in Korea eher nicht. In einer Sonderrolle sieht sie sich dadurch allerdings nicht. "Wenn ich das schaffe, können andere das auch", sagte sie im Gespräch mit energate. Frauen sollten sich insgesamt mehr zutrauen, weniger an sich zweifeln. Die männlichen Kollegen seien oftmals "proaktiver unterwegs", wenn es um mögliche neue Aufgaben oder Rollen geht. Frauen dagegen suchten eher Gründe, warum das nicht funktionieren könnte. Sie rät ihnen stattdessen: "Einfach machen und ausprobieren."
Händlerinnen brauchen mehr Ellenbogen-Mentalität
Die von Frauen weniger gelebte "Ellenbogen-Mentalität" ist für Anne Köhler, Geschäftsführerin des Händlerverbands Efet, einer der möglichen Gründe, warum der Energiehandel stärker von männlichen Kollegen geprägt ist. Denn das Trading-Geschäft sei wettbewerbsorientiert. Am Ende fahre jeder Händler seine eigene Strategie und befinde sich im Wettstreit um die attraktivsten Handelsgeschäfte. Während bei Männern eben diese Ellenbogen oftmals als positive Eigenschaft angesehen würden, müssten Frauen für das gleiche Verhalten häufig Kritik einstecken.
Das ist für Köhler aber kein spezielles Problem im Handel, wie sie im Gespräch mit energate ausführte, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und hänge auch mit der unterschiedlichen Sozialisierung zusammen. "Menschen werden von gesellschaftlichen Normen und Vorurteilen beeinflusst, ob wir es wollen oder nicht", so die Efet-Deutschland-Geschäftsführerin. Helfen könne an der Stelle vor allem auch, dass sich Führungskräfte dessen stärker bewusst sind und dies in ihrem Handeln berücksichtigen, meint Köhler. Eine solche Kultur ist auch förderlich für eine größere Vielfalt in Teams mit einem breiten Spektrum von Kompetenzen, so die studierte Volkswirtin.
An den Voraussetzungen scheitert die Quote nicht
Köhler selbst übernahm 2023 die Geschäftsführung des deutschen Händlerverbands und war zuvor beim Mineralölkonzern Shell tätig. Sie kann auf über 20 Jahre Erfahrung in der "Männerdomäne" Energiewirtschaft zurückblicken, davon viele Jahre beim Bundesverband Neue Energiewirtschaft, wo sie zuletzt den Bereich Gas, Dekarbonisierung und digitale Energiewende leitete. Das Handelsgeschäft bezeichnete sie als "Band, das den Energiemarkt zusammenhält und welches die Vielzahl verschiedener Akteure miteinander verbindet". Was es in dem Bereich neben Durchsetzungsvermögen vor allem brauche, sei ein ausgeprägtes analytisches Verständnis, und dies sei bei Frauen genauso vorhanden wie bei Männern. /ml