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Augsburger planen Gasnetzstilllegung mit Weitsicht

Augsburg (energate) - Nach der Schlagzeile einer Boulevardzeitung "Erste Großstadt will Gasnetz stilllegen" ist inzwischen wieder Ruhe eingekehrt in Augsburg. "Welches verdrehte Wort oder Missverständnis letztlich Auslöser war, ist uns nicht so richtig klar", blickte der Geschäftsführer der SWA Netze, Christian Rose, im energate-Sommerinterview zurück. Zunächst eine überregionale Handelszeitung, dann die Bildzeitung überzeichneten die Vorgänge, von "Heizschock für Millionen von Deutschen" war die Rede. Die Konsequenz war mühsame Kommunikationsarbeit, nicht nur in Augsburg selbst, sondern auch in den Umlandgemeinden, in denen das Unternehmen Gaskonzessionen hält. "Dort mussten wir gegenüber unseren Partnern richtigstellen, dass wir keinem Kunden den Gashahn abdrehen oder Leitungen aus dem Boden reißen", so Rose.

 

Auslöser war ein Green Paper des Bundeswirtschaftsministeriums, in dem Überlegungen zum Rechtsrahmen für die künftige Stilllegung von Gasnetzen zusammengefasst wurden. Wenig später bekamen Medienvertreter ein Kundenanschreiben der Stadtwerke Augsburg in die Finger, in dem sie über perspektivische Gasnetzstilllegungen informieren. "Eine frühzeitige Kommunikation ist uns wichtig, damit sich jeder für oder gegen den Anschluss einer neuen Wärmeleitung entscheiden kann", betonte Rose. Seit über vier Jahren erhalten Augsburger Industrie- und größere Gewerbekunden deshalb Post, auch weil die SWA Ankerkunden für die Grundlast ihres groß geplanten Fernwärmenetzes sucht. "Gibt das Unternehmen sein OK, dann fahren wir quasi spinnennetzartig in die Umgebung und versuchen, weitere Vorverträge abzuschließen", erläutert der Geschäftsführer.

 

Erste kleine Stilllegung in der Innenstadt

 

Bisher hat die SWA nur kleinere Teilstücke mit einer Gesamtlänge von 500 Metern in der Innenstadt stillgelegt. Dort fließt hinter der Absperrarmatur in der Hauptleitung noch Gas, aber in der Stichleitung nicht mehr. Die betroffenen Leitungen wurden mit Stickstoff gespült, im Haus des Kunden ist der Installateur zuständig. Die meisten bauen ihre Gastherme aus und dafür eine Wärmeübergabestation ein. Wenn aber ein Kunde unbedingt am Gas bleiben möchte - warum auch immer, aus ideologischen oder finanziellen Gründen - dann versorge die SWA weiter, so Rose.

 

Etwas anderes bleibt den Gasversorgern auch nicht übrig, weil der bestehende Rechtsrahmen im EnWG und der Gasnetzzugangsverordnung das nicht hergibt. Das EU-Binnenmarktpaket zu Gas/Wasserstoff schreibt zwar schon Stilllegungspläne vor, die das Bundeswirtschaftsministerium laut Green Paper aber erst Ende 2025 umsetzen will. "Die Anschlusspflicht für Netzkunden ist veraltet und muss überarbeitet werden. Zusätzlich muss es die Möglichkeit geben, Restkunden vom Netz zu nehmen, wenn es zu Stilllegungen von Teilen des Gasnetzes kommt", fordert Rose. Noch baut die SWA Gasanschlüsse, wenn auch "ungern". "Wer möchte, bekommt einen, aber er muss ihn selbst bezahlen."

 

Für den wirtschaftlichen Teil des Rückbaus über kalkulatorische Nutzungsdauern und Abschreibungsmodalitäten ist nicht das Wirtschaftsministerium, sondern die Bundesnetzagentur via Festlegung "KANU 2.0" zuständig. Es sei "extrem wichtig", dass dies zeitnah komme, um die Wärmewende regulatorisch zu flankieren, so Rose. In der eigenen Handelsbilanz hätten die Stadtwerke Augsburg schon frühzeitig vorgesorgt und ihr Gasnetz bereits auf das Jahr 2040 vollständig abgeschrieben. Damit folgt das Unternehmen dem bayerischen Klimaschutzgesetz, das noch einen früheren Gasausstieg als der Bund vorgibt.

 

 Biomethan-Busse werden zum Auslaufmodell

 

Auch von seiner im Bundesvergleich großen Biomethan-Busflotte wird sich das Unternehmen verabschieden. Die Stadtwerke Augsburg hatten im Jahre 2010 alle 83 Fahrzeuge auf Erdgasantrieb umgestellt, seit 2011 kommt ausschließlich Biomethan aus agrarischen Abfällen in den Tank. "Wir wollen weg von den Gasbussen, hin zu einer kompletten E-Busflotte. Es gibt angesichts der EU-Gesetzgebung kaum noch Hersteller für Gasbusse", argumentiert Rose. Aktuell prüft das Unternehmen daher mögliche Standorte für Schnelllader und Ladesäulen unter anderem auf stadteigenen Liegenschaften.

 

Dem Wärmenetz gehört die Zukunft

 

Aktuell liegt der Fernwärmeanteil in Augsburg bei gut 20 Prozent, bis zum anvisierten Gasausstieg 2040 sollen es 60 bis 70 Prozent werden. "Aktuell schaffen wir zwischen 80 und 100 Wärmehausanschlüsse pro Jahr, wollen das aber auf 230 steigern", so Rose. Die Personal- und Fachkräftesuche gehört seit seinem Einstieg bei der SWA im Februar zu seinen Hauptaufgaben.  Spätestens ab 2028 erwartet er einen Run auf Dienstleister und Material, weil dann die gesetzliche Wärmeplanungspflicht auch für die kleineren Kommunen greift.

 

Mit 1 Mrd. Euro für die Wärmenetze und weiteren 500 Mio. Euro für die Stromnetze plant der Augsburger Kommunalversorger und nutzt dafür auch neue Instrumente wie Schuldscheindarlehen und Namensschuldverschreibungen. In vielen Kommunen sind schwierige Diskussionen entstanden, damit die Gewinne nicht nur in defizitäre Schwimmbäder und in den Verkehr abfließen, sondern mehr Geld für Energiewendeinvestitionen im Unternehmen verbleibt. Bei den Aufsichtsratssitzungen, bei denen Rose als Geschäftsführer teilnahm, war dies noch nicht der Fall. Aber natürlich komme die Frage auf, was passiert, wenn Fördergelder ausbleiben. Das Unternehmen setzt insbesondere auf die KWK-Förderung, hofft aber auch auf Erlöse aus dem Strommarkt aus dem Betrieb des Biomasseheizkraftwerks. /mt

 

Wie SWA den Wärmenetz- und Stromnetzausbau angeht, lesen Sie im vollständigen Interview im Add-on Gas & Wärme.

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